Dazu muss man sich fragen: „Was heißt Alltagstauglich?“ Alltagstauglich heißt, dass der Hund keine Radfahrer anspringt, keinen Joggern nachläuft, sich im Auto ruhig verhält, im Kaufhaus keine Leute ausbellt, keine Katzen jagt usw. Alltagstauglich heißt aber auch, dass der Hund in seiner spezifischen Umwelt für sich und andere keine Gefahr darstellt, sich stressfrei bewegen kann und großes Vertrauen zum Hundeführer hat.
Um das zu erreichen, ist es wichtig mit dem Hund möglichst viele Dinge zu unternehmen. Damit gibt man ihm die Möglichkeit, sich an seine Umwelt zu gewöhnen und zu lernen, wie er sich zu benehmen hat. Man könnte also sagen, dass bereits in der Sozialisierungsphase ein Teil der Erziehung passiert. Denn gerade in dieser Zeit lernt der Hund am einfachsten was normal ist und was nicht. Es bildet sich in gewisser Weise ein Referenzsystem aus. Je mehr Eindrücke ein Hund in der Sozialisierungsphase sammeln kann, desto mehr Nervenverknüpfungen entwickeln sich im Gehirn. Der Hund kann besser lernen, kommt mit der Umwelt besser zurecht und kann sein Verhalten den neuen Situationen besser anpassen. Man kann also behaupten, der Hund wird dadurch selbstsicherer, er findet sein emotionales Gleichgewicht.
Es ist bei den Welpen allerdings darauf zu achten, dass sie nicht mit den Eindrücken überfordert werden. Es ist besser, man unternimmt mit dem Hund öfter, aber kürzer kleine Abenteuer und nicht nur am Wochenende 10h durchgehend. Man muss dem Hund immer wieder Zeit geben, die neuen Eindrücke zu verarbeiten. Stress ist für den Hund dabei unter allen Umständen zu vermeiden.
Aber zur Erziehung gehört nicht nur die Gewöhnung an seine Umwelt, sondern auch die Folgsamkeit. Das ist dann meistens der Zeitpunkt, wo die Hundebesitzer in die Hundeschule gehen. Dabei wird völlig vergessen, dass Hundeschule gleichzusetzen mit Sportschule ist.
Die Begleithundeprüfung wird als Alltagstauglichkeitstest verkauft, ist aber in Wirklichkeit Unterordnung d.h. Sport. Die Kommandos sind genau definierte Anweisungen, die vom Hund jedes Mal befolgt werden müssen bis sie aufgehoben werden. Dabei ist es völlig unwesentlich, ob die Kommandos Sinn machen oder nicht.
Die Definition des Kommandos „Bei Fuß“ lautet z.B.: Der Hund soll dicht, freudig, und aufmerksam auf Kniehöhe des Hundeführers laufen, ohne ihn zu bedrängen. Wenn ich mir vorstelle ich gehe mit meinem Mann in ein Kaufhaus, sehe dort viele tolle Geschäfte, gute Kaffeehäuser, interessante Leute und muss permanent neben meinem Mann herlaufen und ihn freudig anhimmeln – so wird meine Freude sehr bald verflogen sein und meine Aufmerksamkeit wird sich in Grenzen halten. So muss sich der Hund fühlen, wenn er auf den Hundeplatz kommt: viele tolle Gerüche im Gras, lauter bekannte Hunde, eine super Spielwiese und er muss „bei Fuß“ laufen. Kein Wunder wenn`s mit der Konzentration nicht so klappt. Also greift man zu den Leckerlis, um dem Hund die Sache schmackhafter zu machen, aber man vergisst dabei, dass der Hund nicht dich sondern nur das Leckerli anhimmelt. Ein weiteres Problem ist oft, dass der Hund auf Grund seiner Lerneigenschaften, die Kommandos mit dem Platz verbindet und sie außerhalb des Platzes nicht mehr kann. Also was macht man? Die Unterordnung geht zu Hause weiter. Vom Hund wird nun permanent verlangt, sich unterzuordnen. Der eigene Wille des Hundes wird unterbunden.
Eine „Befragung zur Haltung und zum Verhalten der Rasse Dobermann in Deutschland“ (Satter Diana, 2003) hat folgendes gezeigt: Kombinationen aus Begleithunde-, Schutzhunde- und Fährtenhundeprüfungen wurden deutlich häufiger von Hunden der aggressiv auffälligen Gruppe bestanden. D.h. die Hunde die unter extremen Gehorsam standen und eigentlich perfekt im Benehmen sein müssten, zeigten am häufigsten aggressives Verhalten. Weiter wurde gezeigt: Überproprtional häufig war bei der aggressiv auffälligen Gruppe angstaggressives Verhalten gegenüber fremden Personen zu sehen. D.h. die Hunde mit dem meisten Gehorsam waren gleichzeitig die unsichersten Hunde. Also genau das Gegenteil von dem, was man für die Alltagstauglichkeit braucht. Ebenso waren auch aus dieser Gruppe die häufigsten Bisse innerhalb der Familie zu finden. Eigentlich nicht überraschend, wenn man bedenkt dass der Hund sich permanent unterordnen muss, so geht das zu Lasten der zwischenartlichen Beziehung.
Aber wie soll man dem Hund nun Folgsamkeit beibringen?
Wie eingangs erläutert ist es wichtig, mit dem Hund möglichst viel zu unternehmen, um ihm Selbstsicherheit zu geben. Durch diese gemeinsamen Erlebnisse lernt man seinen Hund und er seinen Halter gut kennen. Jedes neue Ereignis löst beim Hund eine Reaktion aus. Die Aufgabe des Halters ist es nun, diese Reaktion richtig zu deuten und dementsprechend zu reagieren. Es ist daher enorm wichtig, die Verhaltensweisen der Hunde zu verstehen und richtig zu interpretieren. Auf diese Weise zeigt man dem Hund, dass man ihn ernst nimmt und nicht ignoriert – es baut sich ein Vertrauen zwischen dem Hund und seinem Halter auf. Auf Grund dieses Vertrauens werden schon einige Probleme im vor hinein verhindert. Der Hund lässt sich überall anfassen, Körperpflege ist kein Problem mehr, er lässt sich ins Maul greifen und bleibt in heiklen Situationen ruhiger, da er jemanden an der Seite hat, dem er vertraut.
Durch die gemeinsamen Erlebnisse baut sich nicht nur ein Vertrauen auf, sondern es entsteht eine enge Bindung zwischen dem Hund und seinem Halter. Der Hund schenkt dadurch seinem Halter mehr Aufmerksamkeit und lernt die Körpersprache, Mimik und Stimme des Menschen zu interpretieren. Man kann dann durchaus seine Enttäuschung über ein Fehlverhalten des Hundes zeigen, indem man z.B. die Arme verschränkt und böse schaut. In vielen Situationen wird diese Gestik schon ausreichen, um den Hund in seiner Aktion zu stoppen.
Leider funktionier das nicht in allen Situationen, dazu benötigen wir trotzdem Kommandos. Es liegt in unserer Verantwortung, den Hund und auch die Gesellschaft nicht zu gefährden. Ich nenne diese Kommandos gerne Sicherheitskommandos, und so sollten sie auch verwendet werden. – dazu gehören z.B. pfui, komm, Stopp, Platz.
Diese machen aber Sinn für den Hund und werden dadurch leichter gelernt. Z.B. Pfui! Wenn der Hund etwas frisst, was er nicht verträgt, so sagt man „pfui“. Frisst der Hund es trotzdem, weil er das Kommando nicht kennt, so wird er, wenn das Gefressene nicht gut war, sehr schnell merken, dass es besser ist auf das Kommando zu hören. Frisst er es nicht, so habe ich die Möglichkeit, ihm etwas Besseres anzubieten- ein gutes Leckerli. Der Hund lernt so freiwillig auf Ungenießbares am Boden zu verzichten. Ein weiteres wichtiges Kommando ist „Platz“. Will der Hund gerade über eine Zugschiene laufen und ich verhindere es mit Platz und dann kommt der Zug mit 200km vorbei- so weiß der Hund: das Kommando war richtig (ich würde das Beispiel allerdings nicht zum Lernen verwenden- sonst war`s das letzte Kommando!). Ich glaube, der Unterschied zu den Kommandos am Hundeplatz ist nun jedem klar. Es ist also wichtig, Erziehung nicht mit Abrichten zu verwechseln, dann bekommt man mit Sicherheit einen tollen, alltagstauglichen Hund.
(Autorin: Daniela Schaufler – Traineranwärterin in Buc’s Academy)




